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Zur Baugeschichte der St. Johanniskirche

Alter und Rolle der Mainzer Johanniskirche waren im vergangenen Jahrhundert oft Thema historischer, archäologischer und kunsthistorischer Forschungen. Die Vermutung, dass sie bis 1036 der Vorgänger des heutigen Domes war, gründete auf wenigen schriftlichen Quellen. 

Die baugeschichtlichen Forschungen der letzten vier Jahre konnten diese Hypothese untermauern und bringen bis heute viele spannende Entdeckungen ans Licht. Herausragend ist, dass sich die architektonischen Grundzüge des frühmittelalterlichen Baus trotz vielfacher Umänderungen weit über ein Jahrtausend erhielten - Grundriss, Länge, Breite und Höhe veränderten sich bis heute nur unwesentlich. Diese einzigartige Kontinuität ermöglicht es uns heute, das Raumgefüge des Sakralbaus annähernd gleich wie unsere Vorfahren vor über 1000 Jahren zu erleben. 

Die Geschwindigkeit, mit der die Archäologen neue Erkenntnisse ans Tageslicht befördern, bedeutet, dass die Geschichte der alten Kirche Woche um Woche neu bewertet werden muss. Im Folgenden bieten wir ihnen eine Reise durch die (bau)geschichtliche Entwicklung des Alten Doms von seinen Anfängen im römischen Mogontiacum bis zur evangelischen Kirche im 20. Jahrhundert. 

Die Vorgängerbebauung - Eine erste Bischofskirche?

Aus der Kaiserzeit (1.-3. Jhd.), in der Mainz ein großer, militärisch-geprägter Zentralort war, stammen bislang nur verschiedene Schichten im Bereich der heutigen Kirche. Diese stehen im Kontext der zivilen Siedlungen, die sich unterhalb des Kastells der 22. Legion entwickelten. 

Von spätantiken, bzw. frühmittelalterlichen Baumaßnahmen (4.-6. Jhd.) innerhalb der heutigen Kirche zeugen Mauerreste, Pfeilerfundamente und Fußböden. Es handelt sich hierbei um Gebäude von monumentalen Ausmaßen: eines mit einer Breite von etwa 22 Metern, ein weiteres, 14 Meter breites an der Stelle des heutigen Ostchores, mit noch erhaltenen Mauern von 15 Metern Höhe. Außergewöhnlich ist, dass sich in diesen 1500 Jahre alten Mauern noch Rundbogenfenster und kreisrunde Fenster nachweisen lassen, nur wenige Meter versetzt zu den heutigen Fenstern (mit ähnlichen Ausmaßen) im nachfolgend errichteten Ostchor. 

Genaue Form und Funktion dieser Architekturen lassen sich archäologisch noch nicht beantworten. Allerdings sind uns Gedichte von Venantius Fortunatus überliefert, der wohl um 566 zu Gast in Mainz beim gallo-römischen Bischof Sidonius war: 

Hochaufragend glänzt die Halle der Heiligen Taufe
Dieses Gebäude hat der Bischof Sidonius erbaut,

der die Verehrung Gottes förderte durch Erneuerung von Kirchen.

Das genannte Taufhaus (Baptisterium/ Halle der Heiligen Taufe), von dessen beeidruckenden, hochaufragenden Mauern uns Venantius berichtet, ist zwar noch nicht gefasst. Doch möglicherweise blicken wir im Mittelschiff und Osten der Kirche auf Böden und Mauern der Bischofskirche des Sidonius. Dafür spricht auch, dass das spätere Kirchengebäude in vielen Punkten auf diese ursprüngliche Bebauung Bezug nimmt. 

Der frühmittelalterliche Dom

Um 750 war Bonifatius, der sogenannte „Apostel der Deutschen“, Erzbischof von Mainz. Unmittelbar nach seinem Märtyrertod setzte besonders in Mainz und im Kloster Fulda die Verehrung des Heiligen ein. Die Ausmaße seiner Bischofskirche, in der der Tote aufgebahrt und gewaschen wurde, lassen sich auf Grund der Baumaßnahmen der 1950er Jahre nicht mehr genau rekonstruieren. Diese Baumaßnahmen verhindern eine klare Sicht auf die zeitlichen und materiellen Zusammenhänge zwischen Ostchor, Mittelschiff und Westteilen. Sicher ist, dass die in sich stimmigen Bauteile nicht zeitgleich einzuordnen sind, also wohl nach und nach der Dom in seinen heutigen Abmessungen errichtet wurde. 

Spätestens im ausgehenden Frühmittelalter stand hier ein Gebäude von 40 Metern Länge, 30 Metern Breite und basilikalen Querschnitt (d.h. überhöhtes Mittelschiff und tiefer ansetzende Seitenschiffe). Unter dem  Westbau befand sich eine Krypta befand, von der allerdings derzeit nur die seitlichen Zugänge bekannt sind. 

Laut Widukind von Corvey brachte Erzbischof Hatto I. (Bischof von 891-913) dem „Dom von Mainz durch einen edlen Bau Glanz“. Möglicherweise berichtet Widukind mit dieser Notiz vom Teilabriss und Erneuerung der im Ostchor erhaltenen Architektur, die naturwissenschaftliche Untersuchungen in das 10. Jahrhundert ansiedeln. 

Die Dimensionen dieser Kirche waren in den Augen der frühmittelalterlichen Menschen monumental und beeindruckend, und zeugten von der Bedeutung des Bischofssitz.  

Weltpolitische Höhepunkte - Krönungen der ostfränkischen Könige im Alten Dom

Erzbischof Willigis (975-1011) war einer der einflussreichsten Mainzer Erzbischöfe des Mittelalters. Er erhielt von Papst Benedikt VII. den Vorrang vor allen Erzbischöfen und Bischöfen nördlich der Alpen und damit einhergehend das Recht, die ostfränkischen Könige zu krönen. 

Mit Amtsantritt veranlasste er den Bau einer dieser Funktion entsprechenden Kathedrale. Dies bedeutete allerdings nicht den Abbruch oder Neubau des alten Martinsdomes. Willigis wählte einen Platz etwa 50 Meter östlich, während die benachbarte Bischofskirche bestehen blieb - wahrscheinlich um eine monumentale Kathedralgruppe bestehend aus drei Kirchen - St. Johannis, Martinsdom, Marienkirche - zu errichten. 

1009 war der Bau des neuen Doms teilweise fertiggestellt. Er brannte allerdings in der Nacht der Weihe aus und konnte schließlich erst 1036 als neuer Martinsdom geweiht werden.

Dies bedeutete, dass die heutige St. Johanniskirche Schauplatz der beiden in Mainz stattfindenden Königskrönungen war: 1002 krönte Willigis Heinrich II., und 1024 krönte Erzbischof Aribo Konrad II.

Eine Ironie der Geschichte: Noch vor der Fertigstellung des neuen Doms ging das Krönungsrecht an die Kölner Erzbischöfe über. 

Mit der Weihe ging das Martinspatrozinium vom alten auf den neuen Dom über, stattdessen übernahm der Alte das Johannispatrozinium wohl vom alten Taufhaus. Bis heute wird das Kirchweihfest der Johanniskirche am 11. November, dem Martinsrag, gefeiert. 

Hochmittelalterliche Stiftskirche

Im alten Dom wurde das Johannisstift gegründet, der sein liturgisches Zentrum im Westen der Kirche hatte. Die Stiftsherren taten in gemeinschaftlicher Arbeit mit dem Domstift Dienst, die beiden Kirchen wurden über einen Paradiesgang miteinander verbunden. An der Nordseite schlossen wohl Kreuzgang, Speise- und Wohnräume der Regularkanoniker an.  

Den liturgischen Veränderungen des 11. und 12. Jahrhunderts, aber auch der neuen Funktion als Stiftskirche geschuldet, fanden in romanischer Zeit einige Baumaßnahmen statt. Der Mittelteil des Westbaus wurde durch Einstellen von Arkaden von den Seiten getrennt und das Mittelschiff so nach Westen "verlängert". Hierdurch wurden weitere Plätze für Altäre und Schreine geschaffen, um dem zunehmenden Reliqiuenkult gerecht zu werden und um genug Altarplätze zu schaffen, an denen die Chorherren für ihre Stifter Messen lesen konnten. Im Mittelteil des Westbaus wurde im 12. Jahrhundert eine mit Stuckfiguren geschmückte Schranke errichtet, außerdem wurde im 13. Jahrhundert ein Tonplattenboden eingezogen, mit unterschiedlich gefärbten und verzierten Fließen. 

Da das Johannisstift finanziell nicht besonders gut ausgestattet war, berichten regelmäßig Quellen über den schlechten Bauzustand der Kirche. 1235 wies Papst Gregor IX. in einem Brief auf den ruinösen Zustand der alten Kirche hin und stiftete einen Ablassbrief. Dies diente dem Stift, um Geld für Bauarbeiten zu erhalten. 

Gotischer Umbau

Schriftquellen des 14. Jahrhunderts sprechen von einem ziemlich umfassenden Neubauplan, da der romanische Kirchenraum nicht mehr den liturgischen Anforderung entsprach. Dieser Neubau begann im Westen, ging allerdings nur sehr langsam voran und wurde, wohl aus Geldmangel, nie vollständig abgeschlossen. Nicht verbaute Werkstücke zeugen noch heute von dem groß angelegten, aber gescheiterten Vorhaben. 

Das Stiftchor im Westen wurde vollständig abgebrochen und mit dem heute noch erhaltenen gotischen Chorraum ersetzt. Diesen schloss man mit einer Schranke vom Mittelschiff zur Trennung der Kleriker von der Laiengemeinde ab. Dazu gehörte im Mittelteil des Westbaus ein 6 Meter breites, prächtig ausgeführtes Chörlein. Hier befand sich der Altar und nicht etwa im zwei Stufen niedriger gelegenen Westchor. Dieser diente den Stiftsherren als Sitzplatz, die somit faktisch in einer gotischen „Kirche in der Kirche“ die Messe Richtung Osten feierten. Eine Disposition, wie sie im Neuen Dom im Westen heute noch besteht. 

Doppelnutzung ab dem 16. Jahrhundert

Durch die Zerstörung der Viktorkirche in Weisenau 1552 wird das dort ansässige Viktorstift heimatlos. Der Erzbischof wies darauf das Stiftskapitel von St. Viktor an, seinen Chordienst von nun an in St. Johannis zu halten.

Die Kirche war durch diese Maßnahme für die nächsten Jahrhunderte quasi geteilt. Der Altarraum im Westen blieb weiter in der Hand des Stiftes St. Johannis, der Altar im Osten gehörte zu St. Viktor. Eine Klärung des rechtlichen Verhältnisses der beiden Stifte zueinander erfolgte allerdings nie. 

Darum kam es in der Folgezeit regelmäßig bei Finanzierungsfragen zu Auseinandersetzungen zwischen den beiden Stiften. Die reicheren Viktorianer weigerten sich, den von St. Johannis geforderten Anteil an den Reparatur- und Unterhaltungsmaßnahmen zu übernehmen. Kam es ausnahmsweise - oft unter Anrufung der Bischöfe - doch zu einer Einigung, so wurden trotzdem nur kleinflächige Ausbesserungen, beispielsweise am Dach vorgenommen, während die alte Bausubstanz weitgehend erhalten blieb. Ein für die heutigen Forschungen durchaus glücklicher Umstand, denn so wurde die Kirche in ihrem Grundbestand abermals nicht verändert.

SKA_JohStiftertafel des barocken St. Victor-Altars
Stiftertafel des barocken St. Victor-Altars aus dem Jahr 1695. Heute befindet sich die Tafel in der katholischen Kirche Altenbamberg/Alsenz. Übersetzung: "Zu Ehren Gottes des Gnädigsten und Erhabenen. Dem Hl. Victor und seinen Martyriumsgefährten ließ diesen Altar anfertigen der Simon Hemarus von Cappel. Kapitularkanoniker der Ritterstifte von St. Alban bei Mainz und St. Ferrutius in Bleidenstadt (bei Wiesbaden), sowie der angesehenenen Kollegienkirche St. Victor im Jahre 1695."

Barocke Veränderungen

Etwa 1730 wurde das Bodenniveau erhöht und mit Platten ausgelegt, die bündig an das Chörlein anschlossen, möglicherweise in dem Versuch, sich dem Straßenniveau anzupassen. Der Ostchor wurde verkleinert und in die neuen Ostfassade der Haupteingang gelegt. Dadurch verlor das Viktorsstift seinen Altarraum und es ist unklar, wo das Stift sein neues liturgisches Zentrum erhielt. 

1767 wurde der Verbindungsgang (Paradiesgang) zwischen neuem und altem Dom durch ein Feuer zerstört. In dieser Zeit entschloss man sich wohl, die Kirche innen völlig neu zu gestalten, um sie an das barocke theologische Zeitverständnis anzupassen. Das gotische Chörlein wurde abgerissen, Schiff und Chor wurden erneut höher gelegt und, da eine Ostung nicht mehr liturgisch notwendig war, wurde der Hochaltar an die Westmauer gelegt. Schiff und Chor wurden erneut höher gelegt, der Altarraum durch eine geschwungene Schrankenanlage abgetrennt, die Mittelachse mit Holzgewölben versehen. Die aufwendigen barocken Verzierungen sind heute nicht mehr nachvollziehbar, da durch die französische Revolution auch in Mainz die Säkularisierung und damit einhergehend eine Versteigerung des Kirchenschmucks stattfand. 

St. Johannis wird evangelisch

1793 wurde die Johanniskirche säkularisiert und diente 30 Jahre lang wohl als Stroh- und Heulager, zunächst den Franzosen, anschließend dem Deutschen Bund. 1816 lässt sich die Nutzung eine der östlichen Seitenanbauten als Eisenwarenhandlung nachweisen. 

Am 1. Mai 1828 schließlich erhielt die unierte evangelische Gemeinde Mainz das Gebäude von der Bundesfestung im Tausch gegen die Welschnonnenkirche, die der evangelischen Gemeinde zu klein geworden war. 

Nach einer zweijährigen Umbauphase konnte die Kirche als idealer evangelischer Kirchenraum wieder in Nutzung genommen werden. Als einschiffiger Sakralraum sollte er ganz auf die Verkündigung des Evangeliums ausgerichtet sein. Dafür wurden die Langhausarkaden zugemauert und die Seitenschiffe baulich abgetrennt, diese konnten so als Geschäfte vermietet werden. Im Mittelschiff zog man an den Seiten Emporen ein, die auf Säulen aus Stuckmarmor ruhten. Unter Einbeziehung des Westbaus-Mittelteils, des spätbarocken Altarhauses, wurde das liturgische Zentrum komplett neu gestaltet: Vor der Orgelempore im spätbarocken Altarhaus platzierte man die Kanzel, den Altar und zuvorderst das Taufbecken. So lagen alle für die nach evangelischem Verständnis zur Verkündigung des Evangeliums vorgesehenen Orte auf der Mittelachse der Kirche.

Im Laufe des Jahrhunderts wurden nochmals Veränderungen notwendig: Bei der Explosion des Pulverturms der Zitadelle 1857 kam es auch in St. Johannis - vor allem auf der Südseite - zu Zerstörungen im Bereich des Obergadens, welcher anschließend wieder aufgemauert werden musste. 1884 wurde durch Versetzung der Kanzel an den nordöstlichen Pfeiler zum Mittelschiff die Einheit von Kanzel und Altar aufgegeben, um vor der Orgelempore und im Ostchor einige Hundert Sitzplätze für die stetig weiter anwachsende Zahl der Gottesdienstbesucher zu schaffen.

Die Kirche als Gesamtkunstwerk im Jugendstil

Von 1906 bis 1907 baute der renommierte Darmstädter Architekt und Denkmalpfleger Friedrich Pützer St. Johannis im Rahmen des Wiesbadener Programms im Jugendstil um. Gemäß dieser Programmschrift sollte das protestantische Verständnis vom Priestertum aller Gläubigen auch gerade durch die Innenkonzeption eines Gotteshauses deutlich werden.

Die Seitenschiffe im Bereich des Westbaus bezog man in den einschiffigen Kirchenraum mit ein, um so wenigstens im Ansatz eine Art Zentralbau zu schaffen. Dabei wurden die Arkaden im Bereich des Westbaus auf den romanischen Bestand zurückgebaut. Die Seitenschiffe entlang des Langhauses blieben weiterhin abgetrennt. Sie wurden allerdings nicht mehr extern vermietet, sondern als Gemeindehaus und Küsterwohnung genutzt.

Das Mittelschiff gestaltete man so um, dass in ihm die Einheit der Gemeinde symbolisch verdeutlicht werden konnte. Dazu gehörte unter anderem, dass man die liturgischen Hauptstücke Orgel, Kanzel und Altar wieder in die Zentralachse zurückverlegte. Die Orgelempore wurde durch eine Sängerbühne ergänzt, die Einheit von Wort und Sakrament durch den Bau eines steinernen Kanzelaltars hervorgehoben. Die gesamte künstlerische Gestaltung von den Raumausmalungen bis hin zu den Türknäufen erfolgte “aus einem Guss" im Jugendstil.

Kriegszerstörungen

Gegen Ende des Ersten Weltkriegs wurde die erst kürzlich neu gestaltet St. Johanniskirche 1918 von einer Fliegerbombe getroffen und die Inneneinrichtung beschädigt. Die erforderlichen Wiederherstellungsarbeiten schlugen mit 45.000 Reichsmark zu Buche.

Wesentlich fataler war der Dachstuhlbrand in Folge eines der ersten größeren alliierten Fliegerangriffe auf Mainz in der Nacht vom 11. auf den 12. August 1942. Durch ihn brannte die Kirche mit all ihren Nebenräumen aus. Dadurch gingen die gesamte Jugendstileinrichtung, die Orgel und auch das gotische Westchorgewölbe verloren. Die Außenmauern blieben allerdings in ihrer vollen Höhe stehen. Bis 1948 diskutierte man immer wieder, die Ruine von St. Johannis zugunsten eines Parkplatzes oder des Rathausneubaus abzureißen. Man entschied sich jedoch 1949 für Erhaltung und Wiederaufbau als Kirche - auch wegen ihres hohen Alters und ihrer Bedeutung für die Stadtgeschichte.

Wiedereinweihung 1956

Aus Sicht der Kirchengemeinde war die vordringlichste Aufgabe die Einrichtung einer Notkirche im südlichen Seitenschiff. Dies geschah gleich zu Beginn der Arbeiten im Spätjahr 1949. So konnten an St. Johannis noch im selben Jahr wieder Gottesdienste gefeiert werden.

Die Wiederaufbauarbeiten am eigentlichen Sakralbau erfolgten wesentlich stockender und nahmen - auch wegen der knappen gesamtkirchlichen Mittel - mehr Zeit in Anspruch als ursprünglich geplant. Sie wurden nach den Plänen des Architekten Karl Gruber durchgeführt, der die Kirche in einem sachlich schlichten, teilweise historisierenden Stil wieder aufbaute.

Laut eigener Aussagen war sein Ziel, so viel historische Bausubstanz wie möglich zu erhalten. Dieses Ziel wurde vor allem in den beiden Chören und in den oberen Zonen des Baus erreicht, wo die vorhandene Bausubstanz lediglich ausgebessert und stabilisiert wurde. Warum dagegen im Langhaus fast der gesamte Erdgeschossbereich mit Backstein neu aufgemauert wurde, lässt sich heute nicht mehr herausfinden.

Das Raumgefühl des Gruber'schen Kirchenraums wurde wesentlich geprägt vom Einzug einer hölzernen Spitztonnendecke und der Orgelempore im Ostchor sowie der Freisetzung der gotischen Fenster im Westen. Dadurch verwandelte sich der Westen wieder in einen lichtdurchfluteten Raum mit viel Platz für den freistehenden Altar. Auch bei diesem evangelischen Umbau blieben die Seitenschiffe weiterhin für die Nutzung als Gemeinderäume abgetrennt.

Umfassende Forschertätigkeit seit 2013

Nach Abschluss der Außenrenovierung wurden zu Beginn der Restaurierungsarbeiten im Innern durch Zufall Reste eines Pfeilers aus merowingischer Zeit entdeckt. Seither finden an St. Johannis umfassende Forschungstätigkeiten durch ein inzwischen 20-köpfiges Team bestehend aus Forschern aus aller Welt statt.

Bei den Ausgrabungen kamen unter anderem Mauern und Bodenreste der Antike und des Frühmittelalters zum Vorschein, ebenso über 100 Grabstätten in und außerhalb der Kirche. Die mehr als 100.000 Funde umfassen zum Beispiel reich verzierte frühmittelalterliche Schrankenplatten, mittelalterliche Stuckskulpturen und Verputzfragmente unterschiedlicher Zeitepochen. Hinzu kommen aus dem Verfüllungsboden aber auch viele Alltagsgegenstände, wie Glasreste, Gürtelschnallen oder Ofenkacheln. Die archäologischen Arbeiten werden bauhistorisch und restauratorisch begleitet.  

Text: Brost, Faccani, Weil, Zio

Bildquellen: Stadtarchiv Mainz, Dom- und Diözesanmuseum Mainz, SKA_Joh

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