Menu
Menü
X

Fund des Monats

Farbreste an einem Stuckfragment einer mittelalterlichen Schrankenanlage gut erhalten

Detailaufnahme des Stuckfragmentes mit Akanthusfries und erhaltenen Farbresten

Im Zuge der aktuellen Grabungen in der Mainzer Johanniskirche konnte jüngst ein mittelalterliches Stuckgipsfragment mit bauzeitlichen Farbresten im Westchor geborgen werden. Trotz der feuchten, über Jahrhunderte andauernden Lagerung in der Auffüllung des Kircheninnenraumes ist der Gipsstuck mit Resten einer vielfarbigen Fassung sehr gut erhalten geblieben.

Die Anzahl erhaltener, archäologisch geborgener mittelalterlicher Stuckarbeiten und hier im Besonderen mit erhaltener ursprünglicher Farbfassung ist aufgrund des feuchtsensiblen Materials Gips äußerst gering. Schon allein aus diesem Grund ist der Fund in der Johanniskirche von besonderer Bedeutung für die Archäologie und Kunstgeschichte.

Das gefundene Fragment ist 28 cm breit, 20 cm hoch und 24 cm tief. Auf der Rückseite lassen sich noch die Abdrücke von gelbbraunen Sandsteinen nachweisen. Akanthusblätter mit gekerbten und teilweise eingerollten Lappen tragen eine ca. 4,5 cm starke Platte.

Arbeiten wurden vor Ort im feuchten Gips ausgeführt

Die Herstellungstechnik der Stuckmodellierungen lässt sich an diesem Fundstück noch besonders gut nachvollziehen: Der Gips wurde zunächst in mehreren Lagen mit einer Kelle angeworfen. Nach dem ersten Abbinden des Gipses wurde die Oberfläche mit Ziehklingen abgezogen, geebnet und profiliert. Die plastischen Blattornamente wurden dann mit Stuckeisen nachmodelliert, die Vertiefungen mit Zieheisen und -klingen herausgeschnitten. Die Werkzeugspuren dieser Bearbeitung des Stuckgipses in noch feuchtem Zustand sind teilweise noch gut sichtbar erhalten.

Auf der Oberfläche sind unterschiedliche Farbspuren erkennbar, die Rückschlüsse auf die ursprüngliche Vielfarbigkeit zulassen. Die Akanthusblätter wurden zunächst in einem gelbroten bzw. gelben Farbton unterlegt und nachfolgend abwechselnd in einem intensiven Rot und Grün farblich abgesetzt. Die Rücklagen wurden anschließend zur Verstärkung der Plastizität tiefschwarz farblich ausgelegt. Deutlich erkennbar sind noch die Spuren des verwendeten Pinsels. Die Platte wurde auf der Stirnfläche in einem rotgelben (orange) Kolorit besonders kräftig hervorgehoben.

Das Stuckfragment könnte dem Fundort entsprechend zu einer mittelalterlichen Abschrankung gehört haben die den westlichen Teil der Kirche vom Kirchenschiff abtrennte. Als Teil eines farbig gestalteten Gesimsfrieses dürfte dieses dabei die Schauseite einer Schrankenanlage geschmückt haben. Möglicherweise befanden sich über dem Fries Nischen mit stuckierten Figuren. Eine ähnliche Gestaltung mittelalterlicher Stuckplastik mit starkfarbiger Fassung lässt sich an erhaltenen Vergleichsbeispielen belegen.

Parallelen in Hildesheim und Halberstadt

Die ersten bereits durchgeführten material- und fassungstechnologischen Untersuchungen, aber auch die formalen Vergleiche lassen deutliche Parallelen zu den bis heute erhaltenen Schrankenanlagen von St. Michael in Hildesheim und der Liebfrauenkirche in Halberstadt erkennen.

Auch die jüngsten spätromanischen Chorschrankenfunde von 2014 in der Kirche in Eilenstedt lassen sich möglicherweise denen in der Johanniskirche gegenüberstellen.

Die genannten Schrankenanlagen lassen sich zeitlich in das letzte Viertel des 12. Jh. oder das frühe 13. Jh. datieren, so dass man wohl auch das Stuckfragment in der Johanniskirche dieser Zeitstellung zuordnen darf. In eindrucksvoller Weise belegt dieser Fund die hervorgehobene Bedeutung, die diesem Sakralbau auch nach dem Ende seiner liturgischen Nutzung als Bischofskirche zugekommen war. Darüber hinaus zeigt dieser Fund, dass stuckverzierte Chorschranken offensichtlich auch außerhalb des Harzraumes Verbreitung fanden. (Thomas Lutgen)


top