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Fund des Monats

"Nasenquetscher" war ein Fortschritt

Etwa 2m unter der heutigen Geländeoberfläche konnten außerhalb des Ostchores insgesamt 184 Buntmetallfunde aus einer Brandschicht geborgen werden. Darunter befinden sich u.a. kleine Schnallen, Ösen/Häkchen, kleine Ringe, Nadeln und ein Fingerhut. Zudem kamen mehrere Fragmente einer Brille zutage.

 Bei dem Brillenfund handelt es sich um eine Bügelbrille bzw. Federbrille aus Draht (2,76mm breit), möglicherweise Kupferdraht mit eingearbeiteter Nut zur Fixierung der Brillengläser. Die runden Brillengläser sind zum größten Teil erhalten und haben einen Durchmesser von 3,94cm. Zusätzlich fanden sich zwei Fragmente eines weiteren Brillengestells, womöglich die Rahmenteile eines gerahmten Monokels oder Einglases.

 

Brillen stammen ursprünglich aus Italien

Es wird allgemein angenommen, dass Brillen in Norditalien zum Ende des 13. Jahrhunderts erfunden wurden, möglicherweise um 1286 in der Nähe von Pisa. Der erste bildliche Nachweis einer Brille findet sich auf den Fresken im Kapitelsaal von San Niccolo in Treviso aus dem Jahr 1352. Dort stellte der italienische Maler Tommaso da Modena Kardinal Hugo von der Provence mit einer Nietbrille dar. Im 17./18. Jahrhundert wurden Brillengestelle aus Kupferdraht (Drahtbrillen bzw. Drahtklemmbrillen) populär. Sie konnten kostengünstig produziert werden, da die Fassung aus einem Stück Draht gebogen wurde. Das Problem der anfangs wackeligen Brillengläser wurde durch die Erfindung der Plattmühle um 1640 gelöst, die die Massenanfertigung der sogenannten „Nürnberger Drahtbrillen” (im Volksmund „Nasenquetscher“ genannt) ermöglichte.

 

"Nasenquetscher"

Mit der Plattmühle konnte der runde Draht flach gepresst und mit einer Nut versehen werden, worin die Gläser fest gehalten wurden. Diese Art der Drahtbrillen wurde nach 1700 durch reisende Händler in ganz Europa vertrieben. Der „Nasenquetscher“ aus der St. Johanniskirche kann anhand der Stratigraphie ins erste bzw. zweite Drittel des 18. Jahrhunderts datiert werden. Es ist wahrscheinlich, dass die Brandschicht in direktem Zusammenhang zum Brand von 1767 steht, dem der Paradiesgang zwischen St. Johannis und Neuem Dom zum Opfer fiel. Brillen wurden bislang nur selten im archäologischen Fundgut nachgewiesen, in den meisten Fällen handelte es sich um Nietbrillen. Europaweit ist der archäologische Nachweis von Drahtbrillen nur sehr selten gelungen, so konnte z.B. auf dem ehemaligen Gelände des ersten katholischen Friedhofs in Berlin (St.-Hedwigs-Friedhof) eine Federbrille (18. Jh. /erste Hälfte 19. Jh.) mit Lederetui geborgen werden.

 

Näselnde Stimme der Brillenträger galt als chic

Die sogenannten „Nasenquetscher“ hatten für den damaligen Träger den unangenehmen Nebeneffekt, die Stimme zu beeinträchtigen. So bemerkt Georg Christoph Lichtenberg im Jahre 1798, es habe „Leute gegeben, die diese im Dienst veränderte Sprache für schön gehalten haben, zumal wann sie sich nicht sowohl dem näselnden Klarinettenton, als vielmehr der vornehmen, halberstickten Schnupftabaksprache nähert, die das m fast wie b ausspricht.“

(Jonathan Burrows, IBD)


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