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Hiob - eine Lesung zu Bibel und Literatur

Motto Bibel & Literatur 2020

In Zeiten, in denen im realen Leben täglich von Hiobsbotschaften berichtet wird, ist es naheliegend, nach literarischen Vorbildern Ausschau zu halten. Könnte man meinen. „Aber wir haben uns schon lange vor Corona für die Figur des Hiob entschieden“, berichtet der Mainzer Stadtkirchenpfarrer Gregor Ziorkewicz gleich zu Beginn des Videos, das in diesem Jahr den Auftakt bildet für die Reihe „Bibel und Literatur“.

 

Gott ließ Hiob leiden bis über die Grenzen des Erträglichen hinaus, weil er eine Wette gegen den Satan gewinnen wollte. So erzählt es die biblische Geschichte. In Joseph Roths „Hiob – Roman eines einfachen Mannes“ wird die Geschichte des Thoralehrers Mendel Singer geschildert – beginnend in einem jüdischen Schtetl in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Auch Mendel Singer ist ein frommer Mann, dem großes  Leid widerfährt. In einer Lesung in der Reihe „Bibel und Literatur“ hat das Evangelische Dekanat die beiden Werke in Auszügen nebeneinander gestellt.

In Zeiten, in denen im realen Leben täglich von Hiobsbotschaften berichtet wird, ist es naheliegend, nach literarischen Vorbildern Ausschau zu halten. Könnte man meinen. „Aber wir haben uns schon lange vor Corona für die Figur des Hiob entschieden“, berichtet der Mainzer Stadtkirchenpfarrer Gregor Ziorkewicz gleich zu Beginn des Videos, das in diesem Jahr den Auftakt bildet für die Reihe „Bibel und Literatur“. Denn der Alte Dom St. Johannis, in dem die Reihe voriges Jahr begonnen hatte, ist momentan nur für religiöse Veranstaltungen zugänglich.

Im Video sind lediglich Ziorkewicz und Isa Mann, Leiterin der Evangelischen Erwachsenenbildung, in der Kirche zu sehen. Sie führen hin zur Lesung von Henner Momann und Boris Motzki vom Staatstheater Mainz und erläutern die jeweiligen Übergänge. Der Schauspieler und der Dramaturg sitzen hinter einem Schreibtisch vor der Kulisse eines Bücherregals. Der Reiz der Darbietung besteht in der Gegenüberstellung – beinahe nüchtern vorgetragen von zwei Theaterleuten, die gar nicht erst den Versuch unternehmen, den Texten zusätzliche Dramatik zu verleihen. Das ist gut so.

 

Henner Momann trägt den biblischen Part vor. „Es war ein Mann im Lande Uz, der hieß Hiob. Der war fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse. Und er zeugte sieben Söhne und drei Töchter, und er besaß siebentausend Schafe, dreitausend Kamele, fünfhundert Joch Rinder und fünfhundert Eselinnen und sehr viel Gesinde, und er war reicher als alle, die im Osten wohnten.“ Doch alsbald kommt der Satan ins Spiel. Gott geht mit ihm eine Wette ein: „Der Herr sprach zu Satan: Siehe, alles, was er hat, sei in deiner Hand, nur an ihn selbst lege deine Hand nicht.“  Hiob verliert nach und nach sein komplettes Hab und Gut. Ein Knecht überbringt immer neue „Hiobsbotschaften“. Doch Hiob hält an seinem Glauben fest.

Boris Motzki liest aus Joseph Roths 1930 erstmals erschienenem „Hiob – Roman eines einfachen Mannes“. Mendel Singer hat mit seiner Frau Deborah zwei Söhne und eine Tochter, als ihr jüngster Sohn Menuchim geboren wird. Bald stellt sich heraus, dass dieser unter einer schweren Entwicklungsstörung leidet. Ein Arzt diagnostiziert Epilepsie bei ihm. Er bietet dem Ehepaar an, den Jungen in ein  Krankenhaus mitzunehmen, wo er ihn vielleicht gesund machen könnte. Deborah ist dafür. Doch Mendel Singer sagt: „Gesund machen kann ihn kein Doktor, wenn Gott nicht will. Soll er unter russischen Kindern aufwachsen? Kein heiliges Wort hören? Wir sind arm, aber Menuchims Seele verkaufe ich nicht.“  

Nun entspinnt sich das Wechselbad der Gefühle und der Leiden in beiden Geschichten. Sind es im Buch Hiob die Reden der drei Freunde, die Hiob helfen und ihn zu einem Schuldgeständnis bewegen wollen, so ist es bei Joseph Roth der anhaltender Konflikt zwischen Mendel Singer und seiner Frau Deborah um die Sorge für Menuchim, der die Leser und Zuhörer mit hinein zieht in diese Zerrissenheit. Wenn sie gemeinsam mit ihrer Tochter Mirjam nach Amerika auswandern – die Söhne haben das Schtetl bereits verlassen –, müssen sie Menuchim bei Nachbarn zurücklassen. „Wenn Gott Wunder tun will, wird er es dich vorher nicht wissen lassen“, sagt Singer zu seiner Frau. „Fahren wir nicht nach Amerika, geschieht ein Unglück mit Mirjam.“ Sie hat sich auf sexuelle Eskapaden mit russischen Soldaten eingelassen und ist zum Schwarm der gesamten Kaserne geworden.

Aber die Entscheidung fällt: Mendel und Deborah Singer emigrieren mit ihrer Tochter Mirjam nach New York und lassen den kranken Menuchim bei Nachbarn im Schtetl zurück. Als Amerika 1917 in den Ersten Weltkrieg eintritt, melden sich die beiden älteren Söhne freiwillig an die europäische Front. Der Jüngere fällt, der Ältere gilt als verschollen. Deborah stirbt daran vor Kummer. Mirjiam erleidet eine Psychose und kommt in eine psychiatrische Anstalt. Durch diese Schicksalsschläge erschüttert, kommen bei Mendel Singer Zweifel an der Barmherzigkeit Gottes auf. Seine jüdischen Bekannten versuchen ihn zu beschwichtigen. Sie überreden ihn, in eine Kammer im Laden des Schallplattenhändlers Skowronnek zu ziehen.

Beide Geschichten gehen versöhnlich aus. „Der Herr gab Hiob doppelt so viel, wie er gehabt hatte, so dass er vierzehntausend Schafe bekam und sechstausend Kamele…“ Und er bekam sieben Söhne und drei Töchter. „Und Hiob lebte danach hundertundvierzig Jahre und sah Kinder und Kindeskinder bis ins vierte Glied. Und Hiob starb alt und lebenssatt.“ Henner Momann beendet seinen Part mit einem Lächeln.

Und Mendel Singer? Er hört auf einer von Skowronneks Grammophonplatten ein Lied, das ihn sehr berührt. Es heißt „Menuchims Lied“ und wurde komponiert von einem Musiker namens Alexej Kossak. Auch Deborahs Geburtsname war Kossak. Gerne möchte Mendel Singer den Komponisten, der gerade ein Gastspiel in New York gibt, nach Menuchim befragen, aber er traut sich nicht. Da taucht Kossak überraschend als Gast beim Pessachfest des Schallplattenhändlers auf und teilt ihm mit: „Menuchim lebt, er ist gesund, es geht ihm sogar gut.“ Mendel faltet die Hände, hebt sie so hoch, wie er kann. Aber er bringt kein Wort heraus.

Schließlich fragt Skowronnek an Mendels Statt: „Wo ist Menuchim jetzt?“ Und langsam erwidert Alexej Kossak: „Ich selbst bin Menuchim.“ Ein Arzt hat sich seiner als Kind angenommen und ihn von der epileptischen Krankheit geheilt. Er galt fortan als musikalisches Wunderkind, leitete in St. Petersburg eine Kapelle, spielte vor dem Zaren und floh in der russischen Revolution nach London, wo er ein Orchester gegründet hat und ein berühmter Komponist geworden ist. Auch Boris Motzki verabschiedet sich mit einem Lächeln. (Armin Thomas)

Stadtkirchenpfarrer Ziorkewicz bedankt sich bei den Zuschauern für ihr Interesse an dem Video-Experiment und fordert sie auf, ihre Meinungen zu äußern unter mail@bibelundliteratur-mainz.de

Das Video ist online abrufbar unter www.bibelundliteratur-mainz.de


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