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Bibel & Literatur

Liebe und Leidenschaft bei David und Werther

Lisa_Eder und Julian von Hansemann (Staatstheater Mainz)

Was haben David, der Zitherspieler und Herzensbrecher, der Liebling des Volkes und der mächtige Herrscher mit Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ gemeinsam? Erstaunlich viel. Das bewies eine Lesung der beiden Schauspieler Lisa Eder und Julian von Hansemann.

In der von  Stadtkirchenpfarrer Gregor Ziorkewicz und Isa Mann, Leiter der Erwachsenenbildung im Evangelischen Dekanat Mainz, konzipierten Reihe „Bibel und Literatur“ war es in diesem Jahr die erste von vier Folgen, die mit Publikum in einer Kirche stattfand. Da der Alte Dom St. Johannis wegen der dortigen historischen Ausstellung zur eigenen Geschichte momentan für andere Veranstaltungen nicht zur Verfügung steht, fand die Lesung vor rund 40 Zuhörern in der nahe gelegenen Augustinerkirche statt.

„Texte von Liebe und Leidenschaft“, versprachen Ziorkewicz und Mann den Besuchern gleich zu Beginn. Und diese sollten nicht enttäuscht werden. Denn die beiden Schauspieler des Mainzer Staatstheaters verstanden es bestens, die Texte nicht zu überhöhen und wurden ihnen so durchaus gerecht. Schließlich handelt es sich bei beiden Werken um Weltliteratur. Julian von Hansemann legte los mit Auszügen aus den „Leiden des jungen Werther“: „Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich den süßen Frühlingsmorgen, die ich im ganzen Herzen genieße“, schreibt der frisch Verliebte an seinen Brieffreund Wilhelm. Auf einem Tanzabend hat er sich in Lotte verliebt, die mit einem anderen Mann, dem langweiligen Albert, verlobt ist. Werther zieht sich zunächst an den Hof eines Grafen zurück, um sich später – als Lotte bereits verheiratet ist – umso stärker in ihr Leben zu drängen. Der junge Schauspieler Julian von Hansemann liest ruhig und einfühlsam. Die Zuhörer sind schnell drin in der Geschichte.

Lisa Eder hat den biblischen Part übernommen. Zunächst trägt sie mit einer gewissen Heiterkeit in der Stimme vor, wie David, der Zitherspieler, in die Dienste von König Saul gelangt und später selbst König wird. Auch ohne die berühmte Geschichte von David und Goliath zu erzählen, führte Lisa Eder die Zuhörer elegant hin zum eigentlichen Liebesgeschehen. „Da geschah es eines Abends, dass sich David von seinem Lager erhob und auf dem Dach seines Königspalastes sich erging. Dabei sah er vom Dach aus eine Frau sich baden. Die Frau war von sehr schönem Aussehen. David sandte hin, um sich nach der Frau erkundigen zu lassen. Man berichtete ihm: ,Das ist Batseba, die Tochter des Eliam, die Frau des Hethiters Urija.‘ Darauf schickte David Boten zu ihr, um sie zu holen. Sie kam zu ihm, und er wohnte ihr bei.“

„In beiden Geschichten geht es um einen Mann, der sich verliebt“, erläuterte Isa Mann. Und ergänzte: „Werther liebt nicht Lotte, sondern das Bild, dass er sich von ihr machte.“ Ähnlich mag es David ergangen sein, als er die badende Batseba erblickte. Aber ob es sich in beiden Fällen um „Unglückliche Liebe“ handelte, wie der Titel der Lesung es andeutete, ist nicht so klar. Charakteristisch für die Davidsgeschichte indes erscheint laut Gregor Ziorkewicz das Nebeneinander von Kriegsgeschehen, Intrigen und Liebesgeschichte.

„Albert ist angekommen, und ich werde gehen“, heißt es nun im „Werther“. Es folgt die Begründung: „Und wenn er der beste, der edelste Mensch wäre, unter den ich mich in jeder Betrachtung zu stellen bereit wäre, so wärs unerträglich, ihn vor meinem Angesicht im Besitz so vieler Vollkommenheiten zu sehen. – Besitz!  – Genug, Wilhelm, der Bräutigam ist da!“

Davids Haltung und Handeln gegenüber dem Ehemann von Batseba ist bekanntlich eine andere. Er lässt Urija zum Heer entsenden und gibt die Anweisung, ihn im Kampf nach vorne zu stellen, „dass er erschlagen werde und sterbe“. Was auch geschieht. Sobald Batseba ausgetrauert hat, nimmt David sie zur Frau und sie schenkt ihm einen Sohn. „Aber dem Herrn missfiel die Tat, die David getan hatte.“

Eines haben die beiden Liebesgeschichten sicherlich gemeinsam: Ein Happy End gibt es weder bei David noch im „Werther“. Und, so sagte es Lisa Eder auf Nachfrage einer Zuhörerin: „Die Frauen scheinen wenig Handlungsfreiheit zu haben.“ Eine vorsichtige Betonung lag wohl auf dem Wörtchen „scheinen“.(Armin Thomas)


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